Eine Übersicht über alle meine RawTherapee-Tutorials findest Du unter Lab.

Update 1: Mit dem Erscheinen von RawTherapee in Version 5 hat sich dieses Tool weiter verbessert. Insbesondere in Stabilität aber auch in anspruchsvollen Bearbeitungswerkzeugen. Bis zum RawTherapee-Tutorial 5 beziehe ich mich auf die vorhergehende Version 4.2.1. Danach gehts mit Version 5 weiter. Allerdings haben die vorangegangenen Tutorials ihre volle Berechtigung: Bezüglich der da gezeigten Funktionen gibt es keine Änderungen. Was mit Version 5 neu ist, beschreibe ich vor der Fertigstellung weiterer Tutorials an dieser Stelle.

Update2: Mit der neuen Version 5 wird ein neues grundlegendes Handbuch für RawTherapee notwendig. Derzeit ist die RawPedia das offizielle Handbuch. Leide noch nicht in deutscher Sprache. Statt in den nächsten Monaten weitere Tutorials zu schreiben, werde ich die Übersetzung ins Deutsche übernehmen. Haltet Euch also aktuell auch auf RawPedia auf dem Laufenden!


⇒ Tutorial mit Beispieldateien zum Download

Intro

Auf Foren unterwegs taucht beständig die Frage nach einem empfehlenswerten Bildbearbeitungsprogramm auf. Die Antworten folgen auf dem Fuß. In der Regel wird Photoshop zuerst genannt. Dann wird nach kostenlos gefragt. Daraufhin wird Gimp angepriesen. Alles richtig – alles falsch: Die Frage ist fast immer zu einfach gestellt. Und die Antwort ist dementsprechend suboptimal.

Jedoch ist sicher, dass es sich um jeweils einen interessierten Anfänger handelt, der nicht mehr mit dem Standardoutput der Kamera zufrieden ist. Denn er hat erkannt, dass sich seine Fotos von professionellen Aufnahmen unterscheiden. Und er möchte etwas dagegen tun. Und damit ist er schon gar nicht mehr weit vom Erfolg entfernt!

Meist ist weiterhin zu vermuten, dass es zuerst um grundlegende Bearbeitungsschritte zum „aufhübschen“ der eigenen Fotos geht. Und damit sind sie schon intuitiv ziemlich dicht an der professionellen Herangehensweise nach einer Aufnahme: Das sogenannte Entwickeln. Zuvor möchte ich den gesamten Workflow, der zu einem (guten) Bild führt benennen:

  • Bildidee finden (entweder aktiv suchen, gestalten oder einfach im richtigen Moment wach werden)
  • Beleuchtung und die technischen Kamera-Parameter wählen
  • Perspektive und Bildausschnitt wählen
  • im richtigen Moment auslösen
  • das Bild entwickeln (gemeint sind Arbeitsschritte, die sich meist auf das gesamte Bild beziehen und nicht massiv den Bildeindruck oder Inhalt ändern)
  • das Bild bearbeiten (gemeint sind hier einschneidendere Änderungen an der Bildwirkung und am Inhalt bis hin zu Collagen/Montagen, Grafiken etc.)

(Das Bilder auch sortiert und aussortiert sein wollen, lasse ich an dieser Stelle mal weg.)

Soweit die beiden letzten Punkte auch fließend ineinander übergehen (können) und die Begriffsbestimmung sicher nicht für Jeden eindeutig ist, möchte ich sie hier aus zwei Gründen unbedingt trennen:

  • In der Regel kann auf das Bearbeiten verzichtet werden. Zumindest ist das bei klassischen Fotos eher die Ausnahme.
  • In der Regel ist das Entwickeln eine Pflichtübung, damit das Bild auch tatsächlich so angezeigt oder auf Papier gebracht wird, dass es entweder die Aufnahmesituation oder die Wünsche des Fotografen am Besten wieder gibt.

Nicht ohne Grund habe ich oben zur Erinnerung den gesamten bildgebenden Prozess aufgeführt: Es gibt viele Dinge, die sich auch durch Entwickeln oder Nachbearbeiten nicht mehr tatsächlich zufriedenstellend verbessern lassen. Es gibt aber auch genügend Situationen, wo gar keine Zeit bleibt, alles bei der Aufnahme abzustimmen oder wo man nahezu keinen Einfluss hat. Außer im Studio oder zu geplanten Aufnahmen hat man keinen Einfluss auf die Beleuchtung. Einen der wichtigsten Faktoren. Zumindest im Rahmen der Belichtung, also der Menge Licht, die auf den Sensor trifft, oder der Korrektur während des Entwickelns bleiben noch Spielräume, die man gern ausreizen möchte. Und genau genommen wählt die Kamera für „ihr“ JPG-Bild selten das absolute Optimum. Deshalb unterscheiden sich eben in den meisten Fällen unveränderte Kameraaufnahmen deutlich von denen, die nachträglich noch bearbeitet, im speziellen meine ich „entwickelt“ werden.

Was meint eigentlich „entwickeln“?

Der Begriff kommt natürlich aus der Analogfotografie, bei der der belichtete Film erst chemisch entwickelt werden musste, um die Bilder (oder deren Negative) überhaupt sichtbar und haltbar zu bekommen. Natürlich ist das beim digitalen Bild nicht notwendig. Aber beim analogen Entwickeln des Films und bei der Vergrößerung auf Papier, das auch noch mal entwickelt werden muss, konnte noch einiger Einfluss auf das Bild genommen werden. Korrekturen der Belichtung und des Kontrastes sind die Wichtigsten. Beim Vergrößern konnte der Maßstab und der Ausschnitt gewählt werden. Kontrast, Belichtungskorrektur sind möglich. Und oft genug hätte man sich gewünscht, noch viel mehr tun zu können. Was, wird einem heute klar, wenn man sich eine Aufnahme nimmt und alle Möglichkeiten des digitalen Entwicklungsprozesses ausnutzt. Rauschen, vereinfacht vergleichbar mit der Filmkörnigkeit, lässt sich sehr deutlich entfernen. Weißabgleich korrigieren: kein Problem. Etwas schärfen? Auch kein Problem. (Das zum Beispiel geht auch analog. Aber der Aufwand ist erheblich zeitaufwändig!) Objektivkorrektur, Kontrast in Abhängigkeit von der Detailgröße ändern, die Tonwertkurve beliebig manipulieren, Farbkontrast erhöhen … All das sind Sachen, die heute keine Probleme bereiten. Und um die es schade wäre, wenn sie ungenutzt blieben.

Um den Begriff Entwickeln hier noch abzugrenzen: Ich zähle nicht dazu, was lokale Bildbeeinflussung mittels Masken und Ebenentechnik ist. Also alles, was sich inhaltliche Elemente heraus greift (selektiert) und diese unabhängig vom Rest des Bildes bearbeitet. Im Prinzip zählt auch das Entfernen von roten Augen dazu. Aber der Effekt sollte beim Fotoamateure sowieso nicht auftreten. Oder zumindest sehr selten, wenn es tatsächlich mal situationsbedingt unvermeidbar war.

Einige der Bearbeitungsschritte, vielleicht die Meisten, sind auch mit klassischen Grafikprogrammen, wie Photoshop oder Gimp machbar. Allerdings ist deren Bedienung auch nicht einfacher. Teils im Gegenteil. Darüber täuscht nur hinweg, dass es für diese Tools unendlich viele Tutorials gibt. Will man die Möglichkeiten intensiv nutzen, reicht aber das Nachahmen der Tutorials nicht aus. In der Regel wird dort nicht umfassend erklärt, warum etwas so oder anders gemacht wird. Bei den Entwickler-Tools ist das anders: Hier gibt es für die gängigsten Bearbeitungsschritte einfache Slider, die man mit der Maus verschiebt und die Bildwirkung entsprechend beeinflusst. Auch, wenn viele Funktionen auf den ersten Blick unklar erscheinen, kommt man mit den wichtigsten Dingen sofort klar und mit viel weniger Tutorials und etwas Experimentierfreude erobert man sich weitere Funktionen.

Und eine gute Nachricht für alle, die nur mal kurz bei Photoshop und Co rein gesehen haben: Bei der Bildentwicklung gibt es keine Ebenen (Layer), keine Pinsel, keine Selektionswerkzeuge. Nichts dergleichen. – Ganz ohne Einstieg zur Bedienung geht es natürlich nicht. Aber der Lernaufwand bis zu den ersten richtig guten Fotos ist um Größenordnungen kleiner. Photoshop und Co sind einfach für andere Zwecke entwickelt worden. Dass man sie auch zum Entwickeln verwenden kann, ist eher ein Nebeneffekt. Aber nicht immer ist er optimal. Entweder funktionell oder bedientechnisch.

Entwickler-Tools

Natürlich ist auch hier Adobe (neben Phase One!) wieder der Platzhirsch. Sein Tool nennt sich Lightroom. Auch, wenn Adobe durch enorme Werbung so tut, als wäre sein Produkt das Beste am Markt, ist das nicht so einfach. Es gibt weitere Tools, die genau so gut, vielleich besser sind. Ganz abgesehen von der Preisfrage. Im folgenden eine alphabetisch sortierte Übersicht der Tools, die mir gerade einfallen (Preise heute bei Idealo ergoogelt; bei Dollarangaben des Herstellers: nur geschätzt in Euro). Und falls sie selbst googeln und auf sogenannte Raw-Converter stoßen, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit das Gleiche gemeint. Wobei es auch Tools gibt, die nur Raw ohne weitere Bearbeitungsschritte in ein anderes Format konvertieren (UFRaw, Adobe DNG-Converter).

  • ACDsee Pro (ACD Systems, Mac/Windows, ca. 80 Euro)
  • AfterShot Pro (Corel, Mac/Windows/Linux, ca. 65 Euro)
  • Capture One Pro ( Phase One, Mac/Windows, ca. 270 Euro)
  • Darktable (open-source; Mac/FreeBSD/Linux/Solaris; kostenlos)
  • Digital Photo Professional (nur für Canon-Kameras) (Canon; Mac/Windows; kostenlos)
  • DxO Optics Pro (DxO Labs; Mac/Windows; verschieden ausgestattete Versionen)
  • Light Developer (Stepok Image Lab.; Windows; geschätzt 30 Euro)
  • Lightroom (Adobe; Mac/Windows; ca. 112 Euro)
  • nama5 (nama5 s.r.o.; Windows; Preis: ?)
  • PhotoDirector (CyberLink; Mac/Windows; verschieden ausgestattete Versionen)
  • Photo Ninja (PictureCode; Mac/Windows; geschätzt 120 Euro)
  • RawTherapee (freie Entwicklergemeinde, open-source; Mac/Windows/Linux; kostenlos)
  • SILKYPIX Developer Studio (Pro) (Ichikawa soft laboratory Co., Ltd. (Japan), Mac/Windows; 90(156) Euro)
  • Sony Image Data Converter (nur für Sony-Kameras; Windows; kostenlos)
  • ViewNX (nur für Nikon-Kameras) (Nikon; Windows; kostenlos)

Ich habe diese Tools nicht durch getestet. Manchmal ist schon das passende Betriebssystem ein entscheidender Punkt. Manchmal sind es aber auch Kleinigkeiten, die später nicht wirklich klein sind. Zum Beispiel wird das Thema Entrauschen für jeden potenziellen Anwender wichtig werden, wenn er erst mal mit dem Tool arbeitet. Und da gibt es deutliche Unterschiede. Hierzu sind diverse Test von Zeitschriften – online, wie offline – verfügbar. Sehr zu empfehlen sind Tests großer deutscher Zeitschriftenverlage, nicht zuletzt Heise mit seinen sehr guten Spezialisten im Hintergrund. Allerdings lassen diese Tests gern mal ein paar Produkte aus. Insbesondere das Produkt, das hier beschrieben werden soll, wird gern weg gelassen. Aber wenn es mal dabei ist, schneidet es sehr gut ab. Obwohl es kostenlos ist und auch für Windows, Linux und Mac zugleich verfügbar ist.

Es gibt auch zunehmend „Apps“ für Tablet oder Smartfone, die ich hier aber nicht einbeziehe. Mit diesen Tools ist allein schon auf Grund der Gerätebasis und der Bedienung nur Pi-mal-Daumen-Entwickeln möglich. Und um Handyfotos geht es hier nicht wirklich. Da der Markt zwischen klassischen Programmen und Apps zunehmend zusammen geht, zumindest begrifflich, ist da aber nicht das letzte Wort gesprochen. Mit Microsoft und Apple wird der Begriff Apps in Zukunft eher eine Frage der Vertriebsstrategie sein, als ein funktionelles Qualitäts-, äh…, Primitivitätsmerkmal, wie es derzeit noch ist.

In der Regel stellen die Entwicklerprogramme auch Hilfsmittel zum Fotos sichten und sortieren bereit. Das soll hier aktuell auch kein Thema sein.

Vor Beginn

Bevor ich starte, habe ich aktuell noch einmal nach Anwenderdokumentationen gesucht. Startpunkt für RawTherapee ist dabei immer http://rawtherapee.com/.

Das letzte mir bekannte deutschsprachige Handbuch ist (wie andere Sprachen auch)  zwar als „obsolet“ gekennzeichnet, ich habe bis jetzt (04/2016) aber noch nichts Alternatives gefunden:

Dokumentation deutsch zur 4.0.10:  Original-Download (Backup, falls nicht mehr dort verfügbar)

Mit seinen 120 Seiten ist es derzeit immer noch ein sehr gut brauchbares Manual.

Wir beginnen praktisch

Jetzt wird es Zeit, endlich mal RawTherapee anzuwerfen. Wer es noch nicht installiert hat, findet unter http://rawtherapee.com/ -> downloads den Einstieg:

  1. Plattform wählen (z.B. Mac OS X 10.10 oder Ubuntu oder…)
  2. Bit-Anzahl des Betriebssystems auswählen (z.B. 64 Bit)
  3. „Stable“ auswählen. (Die Entwicklerversionen „Development version“ sind meist etwas weiter, frustrieren aber auch gern mal durch Abstürze.)

Entweder es gibt jetzt einen Downloadlink für die letzten Versionen oder eine alternative Installationsanleitung: Das ist bei Linux typisch, weil RawTherapee dort über die entsprechenden Repositories installiert wird: Genau so gut!

Es ist auch möglich RawTherapee selbst für sein System zu übersetzen. Für die Mehrzahl der Anwender ist das zwar keine Option, aber eine langfristige Sicherheit: RawTherapee ist Open-Source! Selbst wenn die Entwicklergemeinde aufgeben sollte (was in nächster Zeit absolut unwahrscheinlich ist), bleiben die letzten Quellen erhalten. Nicht nur für Freaks, die sie weiter entwickeln möchten. Auch für die Leute, die einfach vom letzten Stand eine lauffähige Version haben möchten. – Die Installation aus den Quellfiles zu erstellen ist zwar nichts für Nutzer, die keine Software entwickeln. Aber man kann sich selbst in diesem Fall immer noch einen Freund oder Gehilfen suchen, der hier eingreift. In der Regel überleben solche Projekte selbst bei Ausfall der Entwickler: Man bekommt immer noch die Installationen irgendwoher. – Das unterscheidet Open-Source vom klassischen proprietären Lösungen. Erinnert sei hier an die letzte Zeit, wo der Platzhirsch Adobe seine Software vorzugsweise zur Mietanwendung (und möglichst in der Cloud) umfunktionieren wollte.

RawTherapee oder doch etwas professionelles? – RawTherapee ist inhaltlich absolut professionell! Ich bin gewiss, schon aus langjährigen beruflichen Gründen, kein Open-Source-ausschließlich-kostenlos-Software-Verfechter: Ich zahle auch für gute Software und sehe beide Wege positiv. (Und wenn ich nichts finde, muss ich selbst programmieren.) Ich weiß, dass es regelrechte pseudo-politische Lager gibt, die freie Softwareentwicklung wie eine Religion ansehen. – Das ist sie nicht. Auch Softwareentwickler wollen irgendwann Familie, Kinder und finanzielle Sicherheit. Es ist eher eine Frage der Unternehmen oder Einzelunternehmer (hier Fotografen oder Journalisten), ob sie lieber auf proprietäre Lösungen und deren Risiken setzen, oder auf freie Softwareentwicklung, an der sie sich selbst beteiligen können. Bei Open-Source geht es nicht um Ideologie, sondern um die Frage der langfristigen Stabilität und Kontinuität aus Nutzersicht.

Durch das Open-Source-Modell bleibt die Anwendung selbst im Extremfall, dass die aktuellen Entwickler Schluß machen, einige Jahre verfügbar. Und wer mit RawTherapee klar kommt, für den ist der Umstieg auf ein anderes System kein Problem. – Der Umstieg von Gimp auf Photoshop (oder umgedreht) wäre da im Vergleich deutlich aufwändiger! – Was ich sagen will: Man tut sich mit RawTherapee langfristig nicht weh. Auch, wenn man später nochmal wechselt. Und wenn man mal von Microsoft zu Linux oder Apple wechselt, geht’s mit dem gleichen Tool weiter, wie bisher. Ein echtes Novum!

So. Nun bin ich wieder abgeschweift. Ich hoffe mal, die Installation ist inzwischen durchgelaufen.

Zur Demonstration habe ich jetzt neu installiert: RT 4.2.1 for Windows Vista/7/8/10 64-bit – fast

Das Programm benötigt möglichst viel Bildschirmfläche. Damit ich für das Tutorial aber nicht zu große Abbildungen der Programmoberfläche erzeuge, nutze ich es im Moment auf einem Laptop mit nur 1366 x 768 Pixel. Auch für eine Bearbeitung auf Reisen geht das mal. Aber so richtig macht Bildbearbeitung auf einem 4k-Monitor Spaß.

In wenigen Schritten (und unvollständig) beschreibe ich nun unsere Arbeitsoberfläche für die nächsten Schritte. Wer mehr wissen will: Rumprobieren und Handbuch lesen. 😉

Startansicht

Auffällig ist, dass es keine Menüleiste gibt. Daran muss man sich gewöhnen. Und ist auch gewiss nicht schlimm. Das in der Bedienphilosophie am weitesten oben stehende „Menü“ sind diese 3 Registermarken am linken Rand, oben beginnend:

Registermarken

Vereinfacht ausgedrückt verwenden wir:

  • Dateiverwaltung zur Auswahl des Verzeichnisses mit den Quellbildern
  • Editor zur Bildbearbeitung
  • und Warteschlange ist unsere Exportzusammenfassung

Es ist sinnvoll, die fertigen Fotos nicht gleich zu speichern/exportieren, sondern erst, wenn wir mit allen Bildern fertig sind.  Erst Speichern/Exportieren wird das gesamte Bild berechnen. Und wenn wir das zwischendurch schon machen, könnte uns der Prozessor mit voller Auslastung eine zeitlang stören.

In der Startdarstellung nach dem Programmstart, der Dateiverwaltung, wählen wir jetzt das Verzeichnis aus, in dem unsere zu bearbeitenden Bilder liegen. Da wären nur noch…

Bilder zum Tutorial

Ich habe 3 Bilder an der Dresdner Frauenkirche aufgenommen. Alle unmittelbar nacheinander unter den gleichen Lichtverhältnissen. Wir befassen uns gleich intensiv mit dem ersten Bild und im Nachgang versuchen wir, mit den Einstellungen aus dem ersten Bild auch die zwei Anderen ohne viel Aufwand zu entwickeln. Damit können wir hier mal den typischen Workflow nach einem Shot nachvollziehen.

Dieser Tutorial-Download hier (70MByte) enthält zwei Ordner:

  • Kamera-JPGs enthält die JPGs, die die Kamera selbst erzeugt hat und
  • RAWs enthält die zugehörigen RAW-Files.

Ich habe mit einer Sony Cybershot RX100M3 fotografiert. Die Lichtbedingungen waren optimal, wie wir gleich sehen werden.

Wer bisher nur JPGs mit seiner Kamera erzeugt hat:

Da der Kamerasensor keine Probleme mit dem Tonumfang hatte, wurden von der Kamera auch recht gute JPGs erzeugt. Auch Objektivverzeichnungen durch die starke Weitwinkeleinstellung sind im JPG bereits korrigiert. In diesem Fall könnte man mit dem Kamera-JPG im Folgenden die ganzen Schritte übergehen, die sich mit Belichtung, Kontrast usw. beschäftigen. Auch die Farbsättigung hat die Kamera recht gut gewählt. Aber die Korrektur der stürzenden Linien wär zumindest auch mit dem JPG-Bild zu bearbeiten. Denn auch das kann RawTherapee: Das Ausgangsbild muss nicht zwingend ein RAW-Format sein. – Wären die Lichtbedingungen deutlich schwieriger gewesen, würde auch in diesem Beispiel RAW Vorteile bringen. Aber das werde ich in einem späteren Tutorial zeigen. Oder vergleiche auch Artikel: Highlight Reconstruction

Auf der anderen Seite (und das war gewollt), haben wir mit den Kamera-JPGs gleich noch einen guten Vergleich für das, was wir im Folgenden händisch erreicht haben und das, was die Kamera unter günstigen Bedingungen von alleine schafft.

Bearbeitungsschritte

Bild zur Bearbeitung auswählen

RawTherapee ist geöffnet und das Zip mit den Beispieldateien ist bitte auch schon entpackt. Nach Öffnen des Programms befinden wir uns im Hauptbild von Dateiverwaltung (s. oben). Jetzt klickern wir uns in das entpackte Archiv in den RAWs-Ordner (den bitte doppelt anklicken). Im mittleren Bild müssten nach kurzer Zeit die darin enthaltenen Bilder angezeigt werden:

Gesamtansicht-Ordner

Mit dem Ausschnitt aus dem Verzeichnisbaum:

Verzeichnisbaum

Meine Steuererklärungen müssen sie nicht machen. 😉 Aber wir starten jetzt mit der Bildbearbeitung. Führen sie dazu bitte einen Doppelklick auf das erste Bild aus:

Bild1 öffnen

Die Editor-Sicht

Im schlimmsten Falle sieht es jetzt so bei Ihnen aus:

Editor-Bildaufteilung

Rot markiert ist jetzt eigentlich unsere Arbeitsfläche. Blau markiert zeigt in einem scrollbaren Streifen die Bilder im aktuellen Verzeichnis an. Damit wir unseren Arbeitsbereich vergrößern, klicken sie bitte auf den grün markierten Button mit dem kleinen Pfeil nach oben. Damit blenden sie den blau markierten Ordnerinhalt vollständig aus. Jetzt sieht es so aus:

Editor-oben-zu

Zoomen sie mit den Zoom-Werkzeugen nun das kleine Bild im Arbeitsbereich ein Stück auf. Zwischendurch können sie diese Buttons immer wieder benutzen, um Details oder Gesamtansicht zu beurteilen. Ich gehe im Folgenden nun immer von diesem folgenden Bildaufbau des Editorfensters aus:

Editor-Bildaufbau

Wir beginnen mit „Zurück auf Anfang“

Wenn RawTherapee frisch installiert ist, hat es die Angewohnheit, alle Raw-Bilder schon mit einem eigenen Standard-Profil zu laden. Das heißt, es wendet bestimmte Parameter schon an, obwohl wir noch gar nichts getan haben. Das kann mal hilfreich sein, mal nicht. Man kann dieses Default-Profil später ändern oder man umgeht es so, wie ich:

Default

Oben rechts befindet sich dieser lange Button mit der Beschriftung „Default“. Dort drauf klicken und „Neutral“ wählen:

Neutral

Damit werden alle Parameter zurückgesetzt. Auch später kommen sie mit diesem Klick immer wieder zurück auf „Anfang“. Jetzt sieht man das Bild und oben links das Histogramm so, wie es die Kamera aufgezeichnet hat:

Start in Neutralstellung

Meist wird dabei das Bild flauer (oder schlimmer, wenn die Belichtung nicht gut gewählt war). Das ist normal. Und genau mit der Korrektur der Belichtung beschäftigen wir uns nun zuerst. Zuvor nur noch eine kurze Erklärung zum Editor-Fenster:

Links befindet sich (wenn die Originaleinstellungen beibehalten werden) oben das Histogramm. Es wird weiß die Helligkeit bewertet und mit den 3 Grundfarben linienförmig darüber auch die Verteilung der Grundfarben des Bildes im Histogramm. Wenn wir mit der Maus übers Bild fahren, sehen wir kleine Strichmarkierungen auf der unteren Histogrammachse (die sich aus- und einblenden lässt). Diese zeigen die Lage des mit der Maus berührten Pixels im Histogramm an. In unserem Beispiel sieht es so aus, als ob die Kamera sehr viel Spielraum hin zu rein Weiß gelassen hätte. Fahren wir aber mit der Maus in das Fenster, in dem sich die Sonne spiegelt, sehen wir an den genannten kleinen Markierungen unterhalb des Histogramms, dass genau diese sehr hellen Bereiche ganz rechts liegen. Nur, weil die Reflexionsfläche im Fenster sehr klein in Bezug auf die Bildfläche ist, fällt uns das im ersten Moment im Histogramm nicht auf. Also: Nicht täuschen lassen. Im Allgemeinen hilft uns das Histogramm nämlich bei der Beurteilung, ob wir den Bereich zwischen Schwarz und Weiß des Bildschirms oder des später bedruckten oder belichteten Papiers auch voll ausnutzen. Beziehungsweise, ob wir bei Korrekturen nicht bestimmte Bildbereiche versehentlich zu weit ins absolute Schwarz oder Weiß geschoben haben. Speziell für diese Warnung kann man auch noch diese Schalterchen einschalten (der Schwellwert lässt sich einstellen):

SW-Schalter

Weiterhin finden wir auf der linken Seite ein sehr wesentliches Fenster:

Historie

Die Historie ist unsere Undo-Funktion. Hier werden wir in einer Tabelle sehen, welche Einstellungen wir getroffen haben. Wir können dann jederzeit vor und zurück und uns damit auch die Wirkung einer Einstellung wiederholt anzeigen, ohne an den Reglern erneut zu drehen: Einfach auf die entsprechende Zeile klicken. Im unteren Feld Varianten kann man sich sogar verschiedene Alternativen zwischenspeichern. Wichtig dabei: Die Historie verschwindet, sobald wir das Programm schließen oder ein anderes Bild bearbeiten. Nie verschwinden dabei aber die bisher durchgeführten Manipulationen. Die werden permanent mitgeschrieben, sodass wir selbst nach einem Programmabsturz (vor allem bei Nutzung der Entwicklerversionen zwischen den offiziellen Releaseses) immer wieder da ansetzen können, wo wir aufgehört haben (nur eben ohne die Historie). Und das gibt uns gleich noch ein Stichwort in die Hand:

Nicht-destruktive Bildbearbeitung

Alles, was wir tun, verändert nie das Ausgangsbild. Es wird auch sonst nichts zwischengespeichert, bis auf die Parameter selbst, im sogenannten Profilfile. Das heißt, jede Parameteränderung wird mit allen vorhergehend eingestellten Parametern am Ursprungsbild durchgerechnet, um es am Bildschirm darzustellen. Das Bild jedoch zu keiner Zeit irgendwohin gespeichert. Erst, wenn wir das Bild tatsächlich abspeichern, aktuell möglich als JPG, PNG oder TIFF, wird es endgültig durchgerechnet und unter dem dabei vorgegebenen Dateinamen abgespeichert. Wenn wir also z.B. den Kontrast sehr hoch stellen und danach wieder zurück, gehen keine Informationen verloren: Das Ursprungsbild wird bezüglich Kontrast nun nur mit dem zuletzt eingestellten Wert verrechnet. Das gilt für alle Einstellungen. Dementsprechend ist es völlig egal, in welcher Reihenfolge und wie oft wir durch die ganzen Parameter gehen. Beim Speichern, genau genommen Exportieren, wird der zuletzt eingestellte Parametersatz verwendet und nur damit das Ausgangsbild durchgerechnet. Die Parametersätze lassen sich auch separat unter eigenem Namen bzw. an beliebige Stelle abspeichern. Man kann also zu einem Bild verschiedene Konfigurationen vorhalten (wird oft benutzt für unterschiedliche Einstellungen bei unterschiedlichen Export-Auflösungen oder unterschiedlichem Beschnitt). Die Buttons zum Speichern und Aufrufen von Parameterkonfigurationen (sie werden, wie schon genannt, Profile genannt) befinden sich übrigens oben rechts:

konfigspeicher

Zum jeweils bearbeiteten Bild wird immer automatisch solch ein Profilfile angelegt und mit jeder Reglerbedienung immer aktuell gehalten (man muss zwischendurch nie speichern). In der Standardkonfiguration wird es im gleichen Ordner abgelegt, wo sich auch das jeweilige geladene Quellbild befindet.

So. Nun sind wir immer noch keinen Schritt voran gekommen. Aber wir kommen nun zur rechten Fensterseite und damit tatsächlich nun auch zur Bildbearbeitung, zum Entwickeln.

Belichtung korrigieren

Keine der nun folgenden Einstellungen muss man sofort aufs i-Tüpfelchen genau machen. Man kann jederzeit nochmal zurückkehren und korrigieren. Vor allem bei kritisch belichteten Bildern widersprechen sich die Korrekturmöglichkeiten verschiedener Einstellparameter in ihrer Wirkungsweise (z.B. Bildrauschen entfernen – Schärfen – Detailkontrast), sodass man sich in kniffligen Situationen auch paar mal im Kreise dreht, eh man das persönlich empfundene Optimum gefunden hat. Das gilt auch für die Belichtungskorrektur und alle Parameter, die mehr oder weniger mit dazu gehören.

Für alle Parameter, die sich mit Belichtung befassen (Helligkeit, Tonwertkurven, globaler Kontrast, Schatten, Lichter, Grau-Verlaufsfilter, Tone-Mapping…) gibt es eine Bedienleiste rechts, die sich mit diesem Button hervorholen lässt:

Belichtungsmenü

Ich spreche jetzt und später nie alle Parameter an. Nur die kleine Minderheit, die wir im Moment verwenden. Wer mehr wissen will, muss ins Handbuch sehen bzw. gibt es auch zu einigen kryptischen Abkürzungen gute Erklärungen bei Wikipedia: was sie bedeuten und welche Beziehung das zum Foto hat.

Zuerst fassen wir für gewöhnlich den Regler Belichtungskorrektur an. Allerdings ist das bei diesem gut belichteten Bild nicht notwendig. Ich erhöhe allerdings den Kontrast und ein klein wenig die Helligkeit, wobei ich dafür eher die Regler unter Lab-Anpassungen verwende, als unter Belichtung. Geschmackssache: Der Lab-Farbraum soll etwas besser unseren Sehgewohnheiten entsprechen. Hier die Bildwirkung vorher und nachher (um die noch starken Verzeichnungen des Weitwinkels kümmern wir uns später noch):

Helligkeit-Kontrast

Eine sehr gute Möglichkeit, den lokalen Kontrast zu verstärken, dabei das Bild aber gleichmäßiger auszuleuchten, ist das Tone Mapping. Schalten wir es ein, ist die Standardeinstellung von 0,25 meistens viel zu viel. Ich verwende in der Regel Werte zwischen 0,06 und 0,14. Mit diesem Tone Mapping bekommt das Bild etwas mehr von diesem modernen HDR-Finish. Es ist aber verpönt es hier zu übertreiben. Weil es spätestens beim dritten Bild nach Effekthascherei aussieht. Also: Prinzipiell „erfrischt“ es das Bild. Aber nie so, dass die Frischzellenkultur aus den Pixeln quillt. 😉 Hier habe ich am obersten Regler 0,06 eingestellt (vorher/nachher):

ToneMapping

Wenn sie hier keinen Unterschied sehen (vor allem bei der geringen Auflösung): Schauen sie mal die schwachen Schattenpartien an. Die sind jetzt geringfügig heller. Die Wirkung liegt aber mehr im Kontrast der Details einzelner Bildbereiche untereinander.

Insgesamt gefällt mir das Licht aber noch nicht so recht. Eigentlich sollte mehr zum Ausdruck kommen, dass die Aufnahme abends bei tiefer Sonne gemacht wurde. Mit der zugehörigen Atmosphäre. Da ich im Histogramm schon gesehen hatte, dass relativ viel Tonwertbereich nur in dem hellen Fenster liegt, versuche ich nun mittels einer Tonwertkurve, dort den Kontrast zu verringern und dafür weiter unten entsprechend anzuheben:

tonwertkurve

Hier die damit verbundene Bildveränderung:

tonwertkurvenergebnis

Der sanfte Sonnenschein von links mit seiner leichten Schattenwirkung wird nun auch am Relief der Kirche sichtbar. Sie wirkt nicht mehr so flach, sondern plastischer.

Farben

Es ist sicher Geschmacksfrage, wie viel Farbe ein Bild haben darf (Sättigung). Ich versuche es hier mit einer Anhebung der Pastelltöne. Alles, was mit Farbe zu tun hat, findet man unter diesem Registerbutton:

Farbregister

Unter Dynamik drehe ich die Pastelltöne etwas hoch (und schalte natürlich die Dynamik überhaupt erst mal ein):

pastelltonkorrektur

Damit ergibt sich nun folgende Veränderung:

pastellvergleich

Der besondere Unterschied, die Sättigung der Farben unter Dynamik statt mit dem Regler Sättigung unter Belichtung zu verändern, liegt darin, dass es möglich ist, stark hervortretende Farben (also nicht die Pastelltöne) weniger stark anzuheben. Dazu ist Pastellene und gesättigte Töne koppeln abzuschalten: Der obere Regler Gesättigte Töne lässt sich dann etwas zurückfahren. Hier im Bild war die Trennung nicht notwendig. Bei der gewöhnlichen Sättigungseinstellung kommt man schneller zu quietschbunten Farben, statt zu Atmosphäre. Dessen Regler reagiert deutlich empfindlicher. Auch kann man hier bei Dynamik die Hauttöne noch separat beeinflussen.

Details und Rauschen

Noch haben wir das Bild immer im Ganzen und in niedriger Auflösung angesehen. Prüfen wir nun, ob wir auch noch einige Korrekturen machen sollten, um das Bild im Großformat ausreichend ansehnlich zu machen. Und nebenbei erreichen wir auch eine JPG-Optimierung: Wenn Rauschen im Bild ist, muss das auch bei der JPG-Komprimierung mit kodiert werden. Das benötigt Speicherplatz. Reduzieren wir aber die JPG-Qualität alleine, wird zwar der Speicherplatz geringer, aber es können sehr schnell sichtbare Effekte resultieren. Der umgedrehte Weg ist besser: Nur die Bilddetails behalten, die tatsächlich notwendig sind. Also Rauschen weg, soweit es geht und sinnvoll ist. Aber nicht übertreiben: Ein geringes Restrauschen in der Helligkeit hilft, dass Flächen nicht unnatürlich wie Plastik aussehen. Helligkeitsrauschen kann auch als Stilmittel eingesetzt werden. Farbrauschen hat im Bild hingegen nichts zu suchen. Und das ist auch der Anteil am Rauschen, der schnell unangenehm auffällig wird.

Das Bild hier hat relativ wenig Rauschen, da genügend Licht vorhanden war, um den ISO-Wert zu minimieren. Ein höherer ISO-Wert verstärkt die Ladungen jedes Pixels. Und damit verstärkt es auch das Rauschen. Hier nun ein Ausschnitt zur Beurteilung:

rauschen

Wer sich bisher nie um Rauschen gekümmert hat, sieht es vielleicht nicht auf den ersten Blick, dass trotz guter Belichtung und niedrigem ISO gerade der Himmel doch ziemlich viel farbiges Rauschen zeigt. Etwas, was die Kamera natürlich in ihrem JPG schön weggerechnet hat. Hier sehen wir, wo dann doch die Grenzen des Sensors sind. Für die, die das Rauschen noch nicht wahr nehmen, hier mal das gleiche Bild mit überhöhtem Kontrast:

rauschen-kontrastreich

Bei der Gelegenheit können wir auch erkennen, dass das Rauschen bei diesem Bild nicht rein pixelig bzw. gleichmäßig ist, sondern Artefakte wie kurze Linien- und Kästchenmuster erzeugen kann. Das liegt offenbar an der schwachen Komprimierung der RAW-Files von Sony, welches sich mit dem Demosaicing-Verfahren beißt, dass RawTherapee standardmäßig voreingestellt hat (und auch sehr gut ist). Aus diesem Grund stellen wir dies für diese Aufnahmen von amaze auf vng4:

vng4

Und schon sieht das Rauschen auch wieder nach zufälligem Rauschen aus:

amaze-vng4

Doch das nur am Rande. Auch, wenn das Rauschen unter normalen Kontrastverhältnissen nicht so auffällt, können wir es trotzdem beseitigen. Denn so gering, wie es ist, bekommen wir es tatsächlich schön weg. Bei kritischeren Aufnahmen kann man es meist nur begrenzt mildern (das aber auch manchmal recht gut). Hier meine Einstellungen:

entrauschen1

entrauschen2

Damit ergibt sich nun folgende Vor-Nachher-Ansicht der Details:

entrauschen-vorher-nachher

Dass das Bild jetzt erst mal etwas flauer wirkt, ist normal. Das verbessern wir gleich. Und ob ich den Luminanzregler, der also, der das Helligkeitsrauschen entfernt, etwas zu hoch gedreht habe, darüber lässt sich streiten. Oder reden. 😉 Die Kamera dreht da zumindest bei ihren JPGs auch ordentlich auf (plus für meinen Geschmack zu viel Schärfung bzw. Kantenschärfung und Kontrast):

detail-jpg

Noch ein wichtiger Hinweis: Das Entrauschen, wie auch die ganzen möglichen Einstellungen zum Schärfen werden bei weniger als der 100%-Darstellung in der Bildschirmanzeige nicht mit verrechnet und damit nicht angezeigt, weil das sehr rechenintensiv ist! Deshalb schon beim Entrauschen und auch in den nächsten Schritten die Auflösung auf 100% oder mehr stellen.

Jetzt, wo wir das Rauschen minimiert haben und es deshalb beim folgenden Schärfen und Detailkontrast anheben auch nicht so stark mit verstärken, kommen wir nun zu diesen Punkten. Zur Schärfung gehe ich in die Auflösung von genau 100% und ich verwende die Methode RL-Dekonvolution. Zu Beginn stelle ich die Stärke absichtlich immer erst einmal zu hoch ein:

rl-dekon

Es hängt von den Maßstäben im Bild ab, optische Kantenauflösung zu Pixelgröße, wie groß man sinnvollerweise den Radius wählt, über den die Breite der Schärfung berechnet wird. Um diese Einstellung besser sichtbar zu machen, stelle ich also den Effekt in der Stärke vorerst deutlich höher ein, als ich ihn später erwarte tatsächlich einzustellen. Der Trick ist nun, den Radius so groß einzustellen, dass sich um Kanten noch kein sogenanntes Halo bildet. Hier mal drei verschieden starke Radius-Einstellung mit vorerst zu hoher Stärke, um zu demonstrieren, was man sieht:

halo

Ich wähle dann den Radius ein klein weniger, wie im mittleren Bild, so dass das Halo gerade noch ein wenig zu sehen ist, und drehe dann die Stärke zurück, dass das Halo selbst nicht mehr auffällig wird:

schärfeeinstellung

Im Vorher-Nachher-Vergleich des Detailausschnitts (jetzt genau in 100%-Auflösung):

schärfevergleich

Wem das noch nicht knackig genug ist, der findet insgesamt folgende Möglichkeiten:

  • Schärfung (das hatten wir gerade)
  • Kantenschärfung
  • Mikrokontrast
  • Kontrast nach Detailstufen

Wobei der letzte Punkt, Kontrast nach Detailstufen, einige Freiheitsgrade lässt, eben nicht im Bereich der Kanten (und damit Halos) den Kontrast anzuheben, sondern in den etwas größeren Strukturbreiten. Das Auge empfindet hohe Kontraste im kleinen Detail als Schärfe. Auch wenn es optisch nicht das gleiche ist (jedoch nahe verwandt ist).

Zum Test habe ich mal die Stufe 2 der Detailschärfe angehoben:

detailschärfe4

Der Unterschied zeigt, dass das Halo nicht verstärkt ist, dafür aber der Kontrast zwischen hellen und schattigen Stellen:

detailkontrast

Dabei hat sich der großflächige Kontrast im Gesamtbild kaum oder gar nicht verändert:

detailkontrast ganzbild

Gerade die Regler des Detailkontrastes sind gut geeignet, dem Auge etwas mehr Schärfe vorzugaukeln, ohne dass die Bildqualität leidet. Weder werden die Kanten überstrapaziert, noch wird der Kontrasteindruck des Gesamtbildes zu stark beeinflußt. Der Einstellwert zur Demonstration ist mir jedoch etwas zu übertrieben. Ich stelle dies hier ein:

detailkontrast mein wert

Und der folgende Ausschnitt zeigt die Wirkung ohne Detailkontrast und mit:

detailkontrast-endgültig

Es wirkt auf den ersten Blick ein kleines Stück schärfer, obwohl nichts tatsächlich schärfer geworden ist.

Bei allen Einstellungen dieser Art sollte man im Hinterkopf behalten, was man optisch mit dem Bild erreichen möchte. So sehr scharfe, knackige Bilder im ersten Moment beeindrucken, besitzen sie meist nur die Athmosphäre kalter, klarer Luft. Als reines Architekturbild mit Andenkenwert belasse ich es bei der letzten Einstellung. Ohne die höhere Detailschärfe wäre es aber auch nicht schlechter. Nur anders.

Wir belassen es nun bei der Korrektur von Licht, Schärfe usw. Bevor wir aber den endgültigen Beschnitt festlegen würden oder den Rahmen belassen, wie er ist, müssen noch zwei unschöne Dinge gemindert werden:

Da die Kamera nach oben geneigt war, bilden sich stürzende Linien. Bevor wir uns aber daran machen, eine Gegenüberstellung mit dem JPG der Kamera (links):

objektivkorr-vergleich

Um diesen Bearbeitungsschritt besser verdeutlichen zu können, hatte ich die Aufnahme etwa mit den maximalen Weitwinkeleinstellungen der Kamera aufgenommen. Während die Kamera ihr Objektiv „kennt“ und die Verzerrung bereits herausrechnet, müssen wir das beim Raw-Bild noch selbst erledigen. Da, wo es nicht ganz so auffällig ist, wie hier, vergisst man das schnell mal und merkt es erst ein paar Tage später, wenn man wieder über die Bilder sieht. Deshalb ist es meine wichtige Regel vor der Festlegung des endgültigen Beschnitts, folgende 3 Punkte zu prüfen und zu korrigieren:

  • Objektivverzerrung
  • stürzende Linien
  • schief gehaltene Kamera (Winkelkorrektur)

Um die Linien besser zu beobachten, zoome ich ein wenig in das Bild und finde dann diese Einstellung optimal:

verzeichnungskorrektur

Und die Gegenüberstellung vorher-nachher:

verglVerzeichniskorrektur

Nicht täuschen lassen! Bei diesem Bearbeitungsschritt ist das rechte Bild tatsächlich besser als das Linke. Rechts sind nun zwar stürzende Linien und offenbar sogar die Neigung der Kirche zur rechten Seite auffällig, wir haben aber zuerst nur die tonnenförmige Objektivverzeichnung korrigiert. Die Bildverbesserung sieht man vor allem, wenn man sich vom Sockel des Denkmals eine gerade Linie nach rechts denkt. Wo links die gerade Linie mit dem Zirkel gezogen werden muss, kann man rechts tatsächlich ein Lineal verwenden. Aber es ist richtig: Das Bild wirkt nun schief und „steil“. Deshalb sind noch ein paar Handgriffe notwendig.

Kommen wir also zur Korrektur der stürzenden Linien. Ich korrigiere dabei nicht vollständig, bis alle senkrechten Linien parallel sind, weil sonst alles ab Unterkante der steinernen Glocke aufwärts anfängt, unnatürlich verzerrt zu wirken. Leichte stürzende Linien sind eher zu verkraften als deutliche Verschiebungen der Proportionen. Ich wähle die folgen Einstellungen als Kompromiss. Die auf der Glocke befindliche Laterne fängt dabei bereits an, merklich in die Höhe zu wachsen.

Gleichzeitig habe ich das Bild eine Winzigkeit nach links gedreht. Maßstab dafür war das hohe Kirchenfenster in der Bildmitte. Hier nun meine Einstellungen:

PerspektiveUndDrehen

Sowie der Vorher-Nachher-Vergleich:

VergleichPerspektive

Das Ergebnis befriedigt noch nicht vollends. Obwohl nun das hohe Kirchenfenster in Bildmitte (das erste rechts neben dem Fenster mit der sich spiegelnden Sonne) messtechnisch senkrecht ist, die stürzenden Linien aber nicht beseitigt werden konnten und die Kirche nicht zentrisch im Bild ist, verbleibt eine gefühlte Neigung nach rechts. Es gibt jetzt noch zwei Möglichkeiten, um den Eindruck zu vermindern:

  • die Objektivverzerrung oben nicht so stark ausführen
  • das Bild nicht am von mir gewählten Fenster ausrichten (bei der Drehung), sondern minimal ein klein wenig weiter gegen den Uhrzeigersinn zu drehen, bis sich ein gefühltes „Senkrecht“ einstellt.

Wir haben es hier letztlich mit einem Defizit der Aufnahme zu tun: Weil ich Verzeichniskorrektur und die Behandlung stürzender Linien beschreiben wollte, habe ich die Aufnahmeposition absichtlich suboptimal gewählt: Ein größerer Abstand und eine damit verbundene weniger kurze Brennweite hätten das Problem vermieden. Denn was das Weitwinkel verschleiert: Ich stand viel zu dicht vor der Kirche, um eine verzeichnungsarme Aufnahme zu bekommen. Leider gibt es aber immer wieder Zwänge, gerade bei der Architekturfotografie, wo die örtlichen Verhältnisse nur solche begrenzt guten Aufnahmestandpunkte zulassen. Wer diese Motive regelmäßig wählt, für den lohnt sich ein verzeichnungsarmes Weitwinkelobjektiv, vor allem aber eins, dass sich nach oben verschieben lässt: Shift-Objective ist der Fachbegriff (meist kombiniert als Tilt-Shift-Objective, z.B. s. hier).

Damit möchte ich es mit diesem Bild bewenden lassen. Es käme jetzt nur noch der endgültige Beschnitt. Ich möchte nun aber erst einmal versuchen, ob wir mit den gleichen Einstellungen auch die verbleibenden Bilder verarbeiten können. Dazu klappe ich den mittleren, oberen Fensterteil wieder herunter und wähle das zweite Bild aus:

aufklappen-1

aufklappen-2

Mit Doppelklick wird das Bild geöffnet, danach schließe ich den oberen Bereich wieder.

Um nun die gleichen Einstellungen, wie beim ersten Bild, anzuwenden, müssen wir einfach nur die Profildatei zum ersten Bild öffnen. Dazu gehen wir mit der Maus über diesen Button und lesen den kleinen Kommentar, der aufgeblendet wird:

profilladen1

Wenn wir die Steuerrungstaste beim Anklicken gedrückt halten, können wir nicht nur das Profilfile im Ganzen laden, sondern vorgeben, was davon übernommen werden soll. Wir gehen in den Ordner unserer Quellfiles und finden zum ersten Bild eine gleichnamige Datei mit der Endung *.pp3 . Das ist das Profilfile des bisher bearbeiteten Bildes:

profilladen2

Wir wählen es aus und drücken Open. Wenn wir vorhin nicht das Drücken der Strg-Taste vergessen haben, öffnet sich jetzt eine große Dialogbox, in der zu jedem Parameter eine Checkbox existiert. Da das Bild etwa unter den gleichen Lichtverhältnissen aufgenommen wurde und auch das gleiche Motiv zeigt, wähle ich zuerst oben links Alles, wähle dann aber unter den Gruppen Objektivkorrekturen und Gestaltungseinstellungen folgende Punkte wieder ab:

  • Verzeichnungskorrektur
  • Feinrotation
  • Perspektive

Das sind nämlich die Einstellungen, die ich vorhin ganz speziell für die erste Aufnahme mit der konkreten Brennweite und Neigung wählen musste.

Es sind auch weitere Punkte noch angehakt, die nicht als Einstellung für ein neues Bild taugen, dass nicht genau, wie das vorangegangene, aufgenommen wurde. Da wir diese Parameter aber vorhin nicht angefaßt haben, können wir die Haken stehen lassen.

profilvoreinstellungen

Wenn wird den Dialog abschließen, wird das Bild zum ersten Mal mit diesen Einstellungen durchgerechnet. Da ich zu Beginn die Defaulteinstellungen stehen gelassen habe und nicht erst auf Neutral gestellt habe, hier der Vergleich zwischen Default und unserem geladenen Profil:

defaultZuProfileinstellungen

Wir vergleichen nun, ob es damit dem Look unserer ersten Aufnahme entspricht:

vergleichLook

Das passt sehr gut. Nun korrigiere ich genau die drei Parameter, die wir eben nicht übernommen haben und schon erledigt:

korrektur2tesBild

zweitesBildFertig

Und noch ein abschließender Blick auf die Details (hier nicht in 100%-Darstellung):

DSC00766

Den gleichen Vorgang führe ich jetzt auch noch mit dem dritten Bild aus. Hier ein Ausschnitt aus der Mitte von links nach rechts in den drei Profil-Varianten Default (nach dem Laden des  Bildes), Neutral und dann mit den Einstellungen aus dem ersten Bild DSC00765.ARW.pp3 (abzüglich der abgewählten Parameter, wie oben auch):

profilvariantenLetztesBild

Zum Schluß

Vielleicht haben sie sich mehrfach gefragt, ob sich die ganze Arbeit tatsächlich lohnt, wo man doch bei jedem Schritt nur winzige Veränderungen sehen kann und das JPG der Kamera ja auch ganz gut aussieht. Nun, einerseits haben wir es hier mit sehr viel Glück zu tun gehabt: Die Lichtbedingungen waren durch den Aufnahmezeitpunkt und das Wetter optimal. Wir konnten mit dem niedrigsten Iso-Wert arbeiten. Wenn sie meine Profile laden und die daraus erzeugten JPGs mit denen der Kamera vergleichen, werden sie vielleicht sogar in diesem Fall die Kamera-JPGs mehr mögen. Im Detail wirken sie schärfer, kontrastreicher. Nun, das hätten wir genau so auch machen können. Drehen sie mal das Tone Mapping etwas höher oder die Schärfung stärker oder spielen sie mit dem Detailkontrast. Letztlich ist die Feinabstimmung Geschmackssache, hängt von der Erwartungshaltung des Betrachters ab und natürlich auch von der Zielanwendung. Was wir aus deutlich schwierigeren Aufnahmen herausholen können, werde ich in zukünftigen Tutorials zeigen.

Das soll es damit also für dieses Tutorial gewesen sein. Im nachfolgenden Download der 3 Profilfiles habe ich die Bilder nicht weiter beschnitten, beim letzten Bild allerdings noch die 3 fehlenden Parameter justiert.

Download Profilfiles

Noch ein kleiner Hinweis: Für meinen Laptop-Monitor habe ich zwar ein Profil, dass mir die Bilder deutlich wärmer anzeigt (kalibriertes Profil eines baugleichen Laptops), als mit den Standardeinstellungen. Bei der Belichtung auf Fotopapier kommen zumindest keine wesentlichen Farbunterschiede zustande. Trotzdem ist der Monitor nicht wirklich kalibriert. Wer das Tutorial nachvollzieht, legt nun den Farbfehler seines (vermutlich) nicht kalibrierten Monitors noch darüber. Moderne Monitore haben meist eine Einstellung die recht kalt ist. Es könnte also sein, dass Ihnen meine Ergebnisse nicht gefallen.

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